30. Mai 2024
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Jörg Hartmann stellt sein Buch “Der Lärm des Lebens” vor

MEINERZHAGEN (mk) Ein hoch­ka­rä­ti­ger, aller­dings für die Lite­ra­tur­ta­ge unge­wöhn­li­cher Künst­ler stand am ver­gan­ge­nen Sonn­tag, 15. April, auf der Büh­ne der Mei­nerz­ha­ge­ner Stadt­hal­le: Der Schau­spie­ler Jörg Hart­mann. Den Namen braucht man vie­len Men­schen ver­mut­lich nicht zu erklä­ren, obwohl vie­le Dar­stel­ler oft nur mit ihren Haupt­rol­len iden­ti­fi­ziert wer­den. Für die­je­ni­gen, die ihn nicht auf Anhieb ein­ord­nen kön­nen: Es han­delt sich um den Mann, der im Dort­mun­der “Tat­ort” seit 2012 den Haupt­kom­mis­sar Peter Faber spielt. Oder für sei­ne Rol­le als Sta­si-Offi­zier Falk Kup­fer in der Serie “Weis­sen­see” einen der zahl­rei­chen Grim­me-Prei­se erhielt, die die TV-Pro­duk­ti­on in ver­schie­de­nen Kate­go­rien abräum­te. Mit sei­ner schau­spie­le­ri­schen Kar­rie­re hat sein Auf­tritt in Mei­nerz­ha­gen aller­dings nicht so viel zu tun: Jörg Hart­mann hat ein Buch geschrie­ben.

Eine rei­ne Lesung war die erneut von Ter­ry Albrecht mode­rier­te Ver­an­stal­tung aller­dings auch nicht, eher eine Art “Büh­nen-Talk”, bei der Hart­mann natür­lich auch eini­ge Geschich­ten aus sei­nem Erst­lings­werk als Buch­au­tor las. “Der Lärm des Lebens” ist qua­si die Lebens­ge­schich­te der Fami­lie Hart­mann. Trotz der auto­bio­gra­fi­schen Ele­men­te ist sie aber kei­nes­wegs die Lebens­ge­schich­te von Jörg Hart­mann selbst. “Dafür wärst Du auch noch etwas zu jung”, befand der WDR-Lite­ra­tur­ex­per­te Albrecht, der sich mit dem Schau­spie­ler sogleich auf den Begriff “Bestands­auf­nah­me” einigt.

Die Stadt­hal­le war gut gefüllt, als Ter­ry Albrecht und Jörg Hart­mann auf die Büh­ne kamen. Fotos: Mar­kus Klüm­per

Das Buch ist Jörg Hart­manns Fami­lie gewid­met, und voll mit Geschich­ten, die zwar im Wesent­li­chen wahr sein sol­len, aber, so Hart­mann ehr­lich, “ein Eigen­le­ben ent­wi­ckelt haben”. Vie­le der Epi­so­den könn­ten sich in ähn­li­cher Form auch in ande­ren Fami­li­en ereig­net haben. Vor allem in Städ­ten des Ruhr­ge­biets, mit dem bekann­ter­ma­ßen beson­de­ren Men­schen­schlag. Hart­mann beginnt recht chro­no­lo­gisch mit Erzäh­lun­gen über sei­ne Jugend und sei­ne Zeit als jun­ger Erwach­se­ner. Und bringt dabei einen Namen ins Spiel, den ver­mut­lich nur abso­lu­te Ken­ner der Mate­rie mit der beschau­li­chen Klein­stadt Her­de­cke in Ver­bin­dung gebracht hät­ten: Roy Black. Tat­säch­lich hat der Schla­ger­star im letz­ten Jahr sei­nes Lebens in der 23.000-Einwohner-Stadt gelebt, obgleich er eher (und nicht zu unrecht) mit Bay­ern oder Öster­reich in Ver­bin­dung gebracht wird. Im Gegen­satz zu Hart­manns Vater Hubert, von Freun­den lie­be­voll “Hub­si” genannt, hat Roy Black nur einen völ­lig unter­ge­ord­ne­ten Ein­fluss auf den zukünf­ti­gen Schau­spie­ler gehabt. Aller­dings hat der Pro­mi-Bewoh­ner in Her­de­cke wohl für einen Hype gesorgt, der dafür ver­ant­wort­lich gewe­sen soll, dass Hart­mann und sein Mit­be­woh­ner ihrer “abge­ranz­ten Stu­den­ten­bu­de” mit Zei­tungs­aus­schnit­ten gestal­te­risch den Rest gaben. Die befand sich aller­dings in Stutt­gart, wohin es Hart­mann von Her­de­cke aus mitt­ler­wei­le ver­schla­gen hat­te.

Aber es waren ja auch mehr als ereig­nis­rei­che Jah­re, mit denen Hart­mann in sei­ne Fami­li­en­ge­schich­te ein­stieg. Näm­lich die Zeit um den Mau­er­fall her­um: “Die Zeit­ge­schich­te hat geklin­gelt. Mor­gens um 6 Uhr”, berich­tet Hart­mann von einem Besuch eines Pär­chens aus der Noch-DDR. Fami­lie Hart­mann kann­te die bei­den aus einem Ungarn-Urlaub. “Flüch­tig”, wie der Schau­spie­ler dop­pel­deu­tig hin­zu­füg­te. Jeden­falls hat­ten die bei­den “rüber­ge­macht” und such­ten in Hart­manns elter­li­chen Woh­nung erst­mal Unter­schlupf.

Das Buch “Der Lärm des Lebens” stand an die­sem Abend im Mit­tel­punkt. Foto: Mar­kus Klüm­per

Wie genau der spä­ter als sehr umgäng­lich und warm­her­zig beschrie­be­ne Hubert Hart­mann mit der Lage umging, wur­de nicht zu sehr ver­tieft, was viel­leicht einer von vie­len Grün­den ist, das Buch zu kau­fen, dass bei die­ser Lite­ra­tur­ver­an­stal­tung im Mit­tel­punkt stand. Und in dem nicht Jörg Hart­mann die Haupt­rol­le spielt, son­dern sein Vater. Des­sen Demenz­er­kran­kung war der Aus­lö­ser, über­haupt mit dem Schrei­ben anzu­fan­gen: “Demenz frisst einen gro­ßen Teil der Erin­ne­rung auf, und ich woll­te das alles irgend­wie fest­hal­ten”, beschreibt Hart­mann die Moti­va­ti­on zu dem Buch, dass als sol­ches gar­nicht geplant war. Aber sicht­lich Spaß macht, trotz aller weh­mü­ti­gen Erin­ne­run­gen: “Tra­gik und Komik hän­gen bei uns immer eng zusam­men”, stellt Hart­mann fest. Gute Vor­aus­set­zun­gen für ein span­nen­des und lesens­wer­tes Werk, in dem sich Hart­mann auch inten­siv mit dem Leben sei­ner gehör­lo­sen Groß­el­tern in der Nazi-Zeit aus­ein­an­der­setzt.

Natür­lich ist “Der Lärm des Lebens” ein sehr per­sön­li­ches Werk, was auch den Lite­ra­tur-Jour­na­lis­ten Albrecht etwas aus der Reser­ve lockt: “Ich habe ein Pro­blem mit dem Buch, weil mich nor­ma­ler­wei­se der Autor nicht inter­es­siert”, beich­tet der WDR-Redak­teur im Büh­nen­ge­spräch. Ein Pro­blem, dass er aber offen­bar über­wun­den hat. Dass Jörg Hart­mann trotz aller nicht vor­han­de­nen (oder zumin­dest nicht gezeig­ten) Allü­ren eine star­ke Prä­senz auf der Büh­ne hat­te, unter­schei­det ihn sicher von man­chen ande­ren Autoren. Der Star-Gast, der auf Ein­la­dung der Mei­nerz­ha­ge­ner Stadt­bü­che­rei sowie der Buch­hand­lung Schmitz die­sen Ter­min in sei­ne Lese-Tour­nee auf­nahm, leg­te kei­nen gro­ßen Wert dar­auf, als einer der popu­lärs­ten “Tatort”-Darsteller wahr­ge­nom­men zu wer­den. Den­noch wur­de sei­ne Schau­spiel-Kar­rie­re an die­sem Abend the­ma­ti­siert. Als Jörg Hart­mann sei­nen Wer­de­gang beschrieb, als er von Her­de­cke aus sei­ne beruf­li­chen Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten aus­lo­te­te. Nach­dem sein Vater 2018 im Alter von 82 Jah­ren starb, ver­ewig­te Hart­mann das The­ma Demenz auch im Dreh­buch, dass er für eine “Tatort”-Folge schrieb. Ver­mut­lich kei­ne leich­te Auf­ga­be, denn im tat­säch­li­chen Leben schien er zu sei­nem Vater ein ziem­lich gutes, herz­li­ches Ver­hält­nis gehabt zu haben: Der hand­ball­be­geis­ter­te “Hub­si” wird als sehr freund­li­cher und lie­bens­wer­ter Mensch beschrie­ben.

Als sehr umgäng­lich ent­pupp­te sich auch Jörg Hart­mann. Von den rund 250 Gäs­ten der gut­ge­füll­ten Stadt­hal­le kamen vie­le mit einem Exem­plar des Buches, oder kauf­ten es sich vor Ort, um eine Signa­tur des Schau­spie­lers zu erha­schen. Die Schlan­ge war rie­sen­groß, den­noch hielt Hart­mann mit jedem Besu­cher ein kur­zes Schwätz­chen und ging anschlie­ßend noch mit den Orga­ni­sa­to­ren des Abends ein Bier trin­ken. Für die Besu­cher ging ein span­nen­der und wei­ten Tei­len auch amü­san­ter Abend zu Ende, denn wer Jörg Hart­mann in einer sei­ner schon jetzt unzäh­li­gen Rol­len im Fern­se­hen erleb­te, weiß: An Wort­witz man­gelt es ihm bestimmt nicht.

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