15. April 2024
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Wölfin GW2856f ein Phantom in den hiesigen Wäldern

KIERSPE / MÄRKISCHER KREIS (mk) Einen rich­ti­gen Vor­na­men hat die Wöl­fin, die sich seit gerau­mer Zeit im Mär­ki­schen Kreis auf­hält, nicht. Ihre etwas sper­ri­ge Bezeich­nung GW2856f erin­nert mehr an einen Star-Wars-Robo­ter als an ein Wild­tier. Das muss für das Tier kein Nach­teil sein, denn ech­te Vor­na­men bekom­men die­se vor allem, wenn sie beson­ders nega­tiv auf­fal­len. Man­cher erin­nert sich noch an den Pro­blem­bä­ren Bru­no, bei den Wöl­fen ist vor allem Glo­ria, ein weib­li­ches Exem­plar vom Nie­der­rhein, dass zum Zank­ap­fel wur­de zwi­schen Wolfs­geg­nern und Arten­schüt­zern wur­de.

Obgleich auch Wöl­fin GW2856f durch einen Nutz­tier­riss auf­ge­fal­len ist, stellt sich die Lage aktu­ell noch nicht als zu dra­ma­tisch dar. Den­noch machen sich Land­wir­te und ande­re Tier­züch­ter Sor­gen: Es ist schwie­rig, Pro­gno­sen für die Zukunft auf­zu­stel­len, da Wöl­fe enor­me Stre­cken zurück­le­gen kön­nen und Popu­la­ti­ons­zah­len mit Vor­sicht zu genie­ßen sind. Ohne­hin ist jeder ein­zel­ne Nutz­tier­riss eine per­sön­li­che Kata­stro­phe für Tier­züch­ter.

Um fun­dier­te Ein­bli­cke in die Mate­rie zu geben, aber auch über För­der­mög­lich­kei­ten für wirk­sa­me Schutz­maß­nah­men auf­zu­klä­ren, hat­te die Unte­re Natur­schutz­be­hör­de des Mär­ki­schen Krei­ses zu einem Infor­ma­ti­ons­abend gela­den. Als Exper­ten spra­chen Dr. Mat­thi­as Kai­ser vom Lan­des­amt für Natur, Umwelt und Ver­brau­cher­schutz Nord­rhein-West­fa­len (LANUV) und Wolf­gang Take von der Land­wirt­schafts­kam­mer im PZ der Kier­sper Gesamt­schu­le. Bür­ger­meis­ter Olaf Stel­se begrüß­te die rund 50 Inter­es­sier­ten mit der Bit­te um “mög­lichst sach­li­che und lösungs­ori­en­tier­te Dis­kus­sio­nen.” Dem Stadt­ober­haupt ist offen­sicht­lich bewußt, wie sehr das The­ma “Wolf” pola­ri­siert.

Wer nun erwar­te­te, dass Dr. Kai­ser als “Lei­ter Arten­schutz” um Ver­ständ­nis für Situa­ti­on aus Sicht des Wol­fes bat, irr­te sich. Bevor die­se Fra­ge über­haupt auf­kam, gab Dr. Kai­ser, der sich neben dem “Wolfs­mo­ni­to­ring” auch noch mit 84 wei­te­ren geschütz­ten Tier­ar­ten beschäf­tigt, auch einen Ein­blick in die wis­sen­schaft­li­che Arbeit um den “Rück­keh­rer”. In sei­nem durch­aus span­nen­den und unter­halt­sa­men Vor­trag erläu­ter­te er den Zuhö­rern, mit wel­cher Akri­bie Wis­sen­schaft­ler die Ver­brei­tung des Wol­fes in Deutsch­land ver­fol­gen und erfor­schen. Nach Ansicht Dr. Kai­sers hat sich der Wolfs­be­stand mitt­ler­wei­le so gut in Deutsch­land ent­wi­ckelt, dass über eine Locke­rung des Arten­schut­zes durch­aus gespro­chen wer­den kön­ne. Dabei sei die Anzahl der Tie­re immer noch zu gering, um einen öko­lo­gi­schen Nut­zen dar­aus zu zie­hen: Dem Wolf wird nach­ge­sagt, bestimm­te Wald­tie­re so zu ver­ja­gen, dass die­se weni­ger Schä­den an Baum­be­stän­den ver­ur­sa­chen wür­den. Gegen­über dem Men­schen ist der Wolf scheu: Angrif­fe sind extrem sel­ten, wenn die Tie­re nicht, wie in der Tür­kei gesche­hen, an Toll­wut erkran­ken. Mensch­li­che Struk­tu­ren hin­ge­gen schre­cken Wöl­fe immer weni­ger ab.

Das macht beson­ders Land­wir­te, Tier- und Vieh­züch­tern Sor­gen, doch gegen die Angrif­fe von Wöl­fen bei­spiels­wei­se auf Scha­fe oder Gehe­ge­wild gibt es wirk­sa­me Schutz­maß­nah­men. Dazu wur­de vor rund einem hal­ben Jahr vom Lan­des­um­welt­mi­nis­te­ri­um die “För­der­ku­lis­se Mär­ki­sches Sau­er­land” geschaf­fen. Die­se bie­tet wirt­schaft­li­che Unter­stüt­zung für Tier­züch­ter, die bei­spiels­wei­se ihre Her­de mit geeig­ne­ten Zäu­nen absi­chern wol­len. Über die För­der­mög­lich­kei­ten infor­mier­te Wolf­gang Take als Her­den­schutz­be­ra­ter der Land­wirt­schafts­kam­mer. Der Anteil poten­ti­ell Betrof­fe­ner im Publi­kum war groß, nicht weni­ge haben mit ihren Tie­ren aller­dings der­zeit kei­ne Chan­ce auf eine För­de­rung: Rin­der und Pfer­de gel­ten offi­zi­ell noch nicht als gefähr­det.

Von einer roman­ti­schen Betrach­tung der Wolfs-Rück­kehr in hei­mi­sche Gefil­de war bei dem Infor­ma­ti­ons­abend wenig zu spü­ren. Natur­schüt­zer, die den Wolf als wich­ti­ges Tier im Öko­sys­tem anse­hen, mel­de­ten sich nicht zu Wort. Wohl aber Kri­ti­ker, die lie­ber auf den Wolf ver­zich­ten wür­den, anstatt mit gro­ßem Auf­wand ihre Her­den ein­zu­zäu­nen. Eine seriö­se Ein­schät­zung, mit wie vie­len Über­grif­fen in der Zukunft zu rech­nen sein muss, kann nicht gege­ben wer­den. Das schei­tert schon an der Sicht­bar­keit: “Der Wolf kann in der Land­schaft ver­schwin­den”, mach­te Dr. Kai­ser allen Zuhö­rern klar, die mit einer kon­kre­ten Begeg­nung rech­nen. Auch für die Wis­sen­schaf­ter liegt hier ein Kern­pro­blem im Wolfs­mo­ni­to­ring: Über DNA-Pro­ben konn­te nach­ge­wie­sen wer­den, dass die Eltern von Wöl­fin GW2856f aus der Lüne­bur­ger Hei­de stam­men. Doch nie­mand kann sicher sagen, wie­vie­le Tie­re über­haupt nicht in Erschei­nung tre­ten. Sicher sind sich die Exper­ten aller­dings, dass sich der Wolf aktu­ell nicht mehr so stark fort­pflanzt und aus­brei­tet, wie in frü­he­ren Jah­ren.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen:

https://www.wolf.nrw/wolf/de/management/frderkulissemrkischessauerland

https://www.landwirtschaftskammer.de/foerderung/laendlicherraum/wolf/index.htm

Dr. Mat­thi­as Kai­ser gab einen unter­halt­sa­men und span­nen­den Ein­blick in das The­ma “Wolf”. Fotos: Mar­kus Klüm­per